David Grossman: Was Nina wusste

Wie selbstverständlich wurde David Grossman als Israeli nach Erscheinen seines neuen Romans auch nach dem Nahostkonflikt gefragt. Er antwortete, dass die Konflikte und Tragödien innerhalb von Familien sicher die langlebigeren sein werden.
Und es ist der Roman einer Familie, den wir hier zu lesen bekommen, auch der Roman einer großen Liebe, auch der dreier starker Frauen und eines über drei Generationen anhaltenden Traumas.Mit der Figur der Vera, Protagonistin der Erzählung , löst Grossman ein Versprechen ein, das er der mit ihm befreundeten kroatischen Kommunistin Eva Panic-Nahir zu ihren Lebzeiten gegeben hatte: Ihr Schicksal in einem Roman zu verewigen. Sie ist in Jugoslawien eine Berühmtheit, kämpfte an der Seite ihres serbischen Ehemanns als Partisanin gegen die deutschen Besatzer. Als Tito aber Stalin die Gefolgschaft verweigerte begann in Jugoslawien eine Verhaftungswelle, der Stalinisten, als solche vermutete oder denunzierte zum Opfer fielen und zu tausenden in Gefängnissen und Umerziehungslagern landeten. So auch Panic-Nahir; so auch Vera.
Wir lernen sie kennen, als sie eines Tages in Israel in einem Kibbuz eintrifft, im Schlepptau ihre halbwüchsige Tochter Nina. Da hat sie längst ihre große Liebe verloren und einen Verrat begangen. Ein neues Leben zu beginnen, fällt ihr leichter als der Tochter, die ihrer Mutter lebenslang vorwerfen wird, von ihr verlassen worden zu sein – wenn auch deren Abwesenheit durch die Haft bedingt war, so ging ihr doch eine freie politische Entscheidung voraus.
Doch auch sie, Nina, wird ihre Tochter verlassen, dem Mann überlassen, dem sie in schwieriger Liebe verbunden bleibt, und von dem sie sich immer wieder losreißt. Sie wird zur rastlos in der Welt Umherziehenden, kehrt immer wieder zur Familie, mit der kein glückliches Zusammensein möglich zu sein scheint in den Kibbutz zurück.
Ihre Tochter Gili, Filmschaffende, blickt zurück auf ihre Familie und auf diese Beziehungswirren. Ihr verleiht Grossman die erzählende und erklärende Stimme dieser Geschichte um Liebe und Hass, Schuld und Versöhnung, die auch deshalb einen ungeheuren Sog entwickelt, weil wir nicht zu Unrecht dahinter ein größeres Geheimnis vermuten.
An Veras 90. Geburtstag, Familie und Freunde sind im Kibbuz versammelt, fällt der Entschluss, eine Zeitreise zu unternehmen in ihre kroatische Vergangenheit.
Gili und Raffi, ihr Vater, ihren Professionen gemäß mit Filmkamera und Skriptblock bewaffnet und Nina, die sich erst während der Reise ihre Rolle erarbeiten wird. Vera führt sie zu den Orten ihrer Kindheit, ihrer persönlichen und politischen Geschichte. Schließlich sogar auf Titos Gefängnisinsel Goli Otok, wo in einer langen Nacht letzte Wahrheiten ans Licht kommen und die Versöhnung beginnen kann (wir erinnern uns, Gili ist im Filmgeschäft und verzeihen das Übermaß an Melodram).
Einen nüchternen und aufklärenden Blick auf das historische Vorbild Eva Panic-Nahir gewährt die sehenswerte Dokumentation der israelischen Filmemacher Avner Faingulerent und Macabit Abramzon (youtube). (F. Peters)

Grossman, David
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
ISBN/EAN: 9783446267527
25,00 € (inkl. MwSt.)