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Buchtipps - Belletristik

Die knappe präzise Sprache hat mich von Anfang an in den Roman hineingezogen und fasziniert. Kunstvoll entwickelt Hermann Bilder und Szenerien, oft reichen wenige Sätze zur Ausgestaltung. Die Icherzählerin - Ende vierzig - lebt alleine in einem Haus am Meer. Sie hat ihr früheres Leben hinter sich gelassen. Sie fasst es so zusammen: „Ich habe Otis getroffen, wir haben geheiratet und eine Tochter bekommen, Ann. Ann ist groß, und Otis und ich sind auseinandergegangen. Seit fast einem Jahr lebe ich auf dem Land, an der östlichen Küste und in der Nähe meines Bruders.“

Nach dem Tod ihres Mannes lebt Drehbuchautorin Ruth abgeschieden im Holzhaus auf dem Land. Ihre Kinder haben längst ihr eigenes Leben, während sie das Alleinsein schätzen lernt. Das Einzige, was ihre Landidylle stört, sind Hate-Nachrichten auf Social Media. Ein Troll geht ihr besonders unter die Haut, kennt ihre Geheimnisse und persönlichsten Gedanken.  Plötzlich vermischen sich die Nachrichten mit ihrem Privatleben und Ruth muss sich fragen, wem sie noch vertrauen kann. (V. Panter)

Micah Mortimer, ein Durchschnittstyp mit leichtem Hang zur Zwanghaftigkeit. Er lebt in einer kleinen Souterrain-Wohnung, arbeitet vormittags als selbständiger Computerspezialist, nachmittags geht er seiner Tätigkeit als Hausmeister nach. Ich finde es bemerkenswert, wie es Anne Tyler gelingt das Interesse des Lesers für diesen doch eigentlich langweiligen, bürgerlichen Mann zu wecken. Vielleicht, weil sie ihm einen liebevoll empathischen Blick auf Micah eröffnet. Vielleicht weil sie es schafft, trotz sehr unaufgeregter, klarer Sprache Spannung aufzubauen.

„In seinem neuen Roman nimmt uns Autor Andreas Maier mit auf Reisen“ - schreibt der Verlag. Das mag ja zur Zeit besonders verführerisch klingen, doch: Finger weg von diesem Buch, wenn Sie gerne Reiseliteratur lesen, sich für ferne Länder, fremde Sitten interessieren. Der nun achte Band seines Schreib- und Lebensprojekts namens „Ortsumgehung“ führt uns nur wieder hinein in den Kopf eines Autors, der über Thomas Bernhard promoviert hat - und so sieht es dort auch aus.

„Nach dem ENDE kam der ANFANG. Und am ANFANG waren wir acht, dann neun - das war ich -, eine Zahl, die nur abnehmen würde.“ So beginnt der Roman und die Leserin ist mittendrin in einer Endzeiterzählung. Was ist passiert?

Ein alter Mann schaut am Ende seines Lebens zurück, auf die für ihn prägende Zeit, als er als junger Mann direkt nach dem Schulabschluss sein scheinbar vorbestimmtes Leben ändert. Eigentlich soll er Bergarbeiter werden wie alle Männer in der kleinen Stadt in Nordengland. Er aber beschließt, zumindest für eine Zeitlang auszubrechen, wegzugehen, denn er hat einen Sehnsuchtsort, er will das weite Meer sehen.

„Ich mag Pappel“, sagte sie, als wir unter den Bäumen nach unten gingen. Die Schatten spielten auf ihrem Kleid und auf dem rauen Asphalt Fangen. Ich blieb stehen und sah hoch in die schlanken Kronen. „Ich mag, was die Blätter im Wind machen. So wie jetzt. Es gibt kein richtiges Wort dafür.“

In Frankreich wurde der 2020 erschienene Debütroman (La petite dernière) als sprachgewaltige Geschichte weiblicher Selbstermächtigung gefeiert. Nun kann man Fatima Daas‘ Buch auch auf Deutsch lesen und sich von der Sogkraft der kurzen, eindringlichen Sätze mitreißen lassen. Jedes einzelne Kapitel fängt mit den Worten Ich heiße Fatima (Daas) an; ein Roman in Form einer sehr langen Anapher. Fatima trägt den Namen der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed. „Einen Namen, den man ehren muss.

Jetzt im Taschenbuch: Eine mittelgroße Stadt in der Nähe von Freiburg: eine junge Frau springt vom Dach eines Mehrfamilienhauses. Das verrät uns bereits der Titel und die sehr lyrisch anmutende Beschreibung von ihrem freien Fall im Prolog.

Vor langer Zeit fand ich Modiano-Romane eher langweilig, und sicher kann man zu jung sein, um einen Autor zu schätzen, der nur über eines schreibt: das Erinnern. 2014 fand das das Nobelpreiskomitee dann preiswürdig, und auch wenn man in letzter Zeit viel Schlechtes über diesen Kostümverein sagen konnte und über Preise allgemein; die mit letzteren verbundene erzeugte Aufmerksamkeit kann immerhin zu schönen (Wieder-) Entdeckungen führen.